Reise nach Tibet, 3.–16. Oktober 2005
Gregor Kneussel
Zum Nationalfeiertag (1. Oktober) bekamen wir zwei Wochen Urlaub und flogen gemeinsam mit Thomas, einem Freund aus Wien, vom 3. bis 16. Oktober nach Tibet.
Zunächst war uns nicht klar, welche Dokumente man braucht, um nach Tibet zu reisen. Einerseits suggerieren von der Zentralregierung erlassene Gesetze, dass sich ausländische Touristen in weiten Teilen des Autonomen Gebiets Tibet frei bewegen können, andererseits erklärt jedes Reisebüro kategorisch, dass man ausschließlich mit einer Reisegruppe nach Tibet reisen kann. Im Internet gibt es viele Berichte von Leuten, die sich formal für wenige Tage einer Reisegruppe anschließen, um die erforderlichen Genehmigungen zu bekommen; diese „Reisegruppen“ lösen sich schon am Flughafen in Lhasa auf, und die Leute sind dann de facto Einzelreisende.
Auch aus diesem Grund organisierten wir über ein Reisebüro in Lhasa eine Tour für die ersten vier Tage und bekamen so auch eine Reisegenehmigung für Tibet. Am Flughafen Gong-dkar (Gonggar), der 190 Kilometer von Lhasa entfernt ist, erwartete uns unser Reiseleiter und ein Jeep mit Chauffeur. Wir fuhren zunächst nicht nach Lhasa, sondern nach Osten, in das Tal des Yar-klung-gtsang-po (Brahmaputra), in einen Ort namens rTse-thang (Zêtang), wo wir übernachteten. Schon auf dem Weg kamen erste Zweifel an der chinesischen Sprachpolitik in Tibet auf: Auf den Straßenschildern waren zwar alle Angaben auf Tibetisch, Chinesisch und in lateinischer Schrift angegeben, jedoch entgegen der Vorschriften tibetische Ortsnamen aus dem Chinesischen – nicht aus dem Tibetischen – transkribiert, selbst statt „Lhasa“ stand „Lasa“. Nach dem Abendessen in rTse-thang fanden wir noch eine kleine, seltsame Bar namens “Sun Tribe Bar”, in der außer uns nur noch zwei Tische von Tibetern besetzt waren und in der zum Flaschenbier winzige Gläser serviert wurden. Erst später wurde uns klar, dass die Winzigkeit der Gläser durch die Sitte bedingt ist, nach dem Zuprosten das Glas leer zu trinken. Das Frühstück am nächsten Tag war tibetisch–Han-chinesisch: Es gab Baozi (bzw. Momo – mit Fleisch oder Gemüse gefüllte gedämpfte Germknödel [Hefeklöße]), Gemüse, hartgekochte Eier, Milch, Buttertee sowie Hirse-, Mais- und Reisschleimsuppe. Wenn man an Tee denkt und tibetischen Buttertee trinkt, wird einem unweigerlich übel, doch wenn man an Suppe denkt und ihn trinkt, ist er ganz genießbar. Anschließend wurden wir mit dem Jeep zwölf Kilometer nach Südwesten zur Besichtigung von Yum-bu-bla-sgang (Yumbu Lagang) gebracht, das ist angeblich das älteste Gebäude Tibets.

Yum-bu-bla-sgang liegt auf einem kleinen Berg, und beim Erklimmen dieses Hügels gerieten wir durch die Höhe und den Sauerstoffmangel rasch außer Atem.
Der Legende nach wurde Yum-bu-bla-sgang im zweiten Jahrhundert u. Z. von Anhängern der Bon-Religion für den ersten tibetischen König gNya'-khri bTsan-po (Nyachi Zänpo) errichtet, der vom Himmel herabgestiegen sein soll. Später wurde es der Sommerpalast von Srong-btsan sGam-po (Songzän Gampo) und Prinzessin Wencheng. Während der Herrschaft des Königs Lha-tho-tho-ri im fünften Jahrhundert soll ein Sutra vom Himmel auf das Dach des Gebäudes gefallen sein, das niemand lesen konnte; es wurde prophezeit, dass es im siebten oder achten Jahrhundert übersetzt werden würde. Nachdem Srong-btsan sGam-po seinen Sitz nach Lhasa verlegte, wurde Yum-bu-bla-sgang eine Kapelle und unter der Herrschaft des V. Dalai Lama ein Kloster der dGe-lug-Sekte (Gelbmützen-Sekte).
Schon am ersten Tag unserer Besichtigungen wurde klar, wie sehr religiöse Mythen und Legenden das Geschichtsbild älterer Epochen in Tibet dominieren.
Thomas unterhielt sich mit Studenten traditioneller tibetischer Medizin aus Lhasa, Christina und ich stiegen noch auf einen Hügel neben dem Tempel. Danach fuhren wir zu den Königsgräbern bei 'Phyongs-rgyas (Qonggyä), 27 Kilometer südlich von rTse-thang. Srong-btsan sGam-po und andere tibetische Könige sollen hier begraben sein. Die Ausführungen unseres Reiseführers über die Zerstörungen während der Kulturrevolution waren eher unverständlich: Es seien Gebäude zerstört worden, doch die Gräber seien dennoch erhalten.
Nach einem Mittagessen in rTse-thang gingen wir in den alten Teil der Stadt und besichtigten dort ein größeres Kloster (dGa'-ldan-chos-'khor-gling / Gadän Qökor Ling) und am Stadtrand, auf einem Hang, ein Nonnenkloster. In der Nähe befand sich eine Quelle, und das Tal war voller Gebetsfahnen.
Am 5. Oktober brachen wir mit dem Jeep von rTse-thang auf und fuhren den Yar-klung-gtsang-po entlang ein Stück zurück nach Westen und setzten mit einer Fähre über den Fluss. Es war kühl und nieselte immer wieder. Die Fahrt über den Fluss dauerte über eine Stunde, denn er ist sehr breit und flach, der Fährmann musste um Sandbänke herum navigieren. Auf der anderen Seite brachte uns ein anderer Jeep von der Anlegestelle zum Kloster bSam-yas (Samyä), wo wir übernachteten.

bSam-yas gilt als erstes Kloster Tibets. Der Legende nach wurde die Arbeit der Erbauer des Klosters unter Anleitung von Shantaraksita im Jahr 779 anfangs stets über Nacht von Dämonen zunichte gemacht und die Mauern wieder zerstört. Erst als vier Stupas errichtet wurden, konnte in dem Gebiet, das von ihnen eingeschlossen wird, das Kloster erbaut werden. 792 bis 794 fand in bSam-yas eine berühmte Debatte zwischen Vertretern des indischen und des chinesischen Buddhismus (Kamalashila und Moheyan) statt, in der die Chinesen unterlagen. In bSam-yas wurde auch ein Sanskrit-tibetisches Handbuch buddhistischer Terminologie geschaffen, die Mahāvyutpatti. Heute besteht bSam-yas aus einem Hauptgebäude, umgeben von vier Stupas, und mehreren Nebengebäuden. Der ganze Komplex ist von einer Mauer mit kreisförmigem Grundriss umgeben, die mit über tausend kleinen Stupas besetzt ist und der Route des exorzistischen Tanzes von Padmasambhava folgen soll; außerhalb der Mauer befindet sich ein Dorf. Das Hauptgebäude des Klosters ist dreistöckig, eine Kombination von tibetischem, chinesischem und nepalesischem Baustil.
In der Nähe befindet sich der heilige Berg Has-po-ri (Häpori), den Christina und ich bestiegen. Vom Gipfel hat man eine großartige Aussicht über das Kloster und das Dorf auf der einen Seite und den Yar-klung-gtsang-po auf der anderen Seite.

Um nach Lhasa zurückzukehren, müssen wir den Fluss nochmals überqueren, doch diesmal ist das Wetter wunderschön und die Aussicht von der Fähre ist beeindruckend. Der Fährmann ist unbekümmert und das Boot läuft einmal auf Grund. Auf dem Weg mit dem Jeep nach Lhasa halten wir beim Flughafen und bekommen ein teures und schlechtes Mittagessen vorgesetzt.
In Lhasa quartieren wir uns in der Altstadt unmittelbar neben einer größeren Moschee ein, im muslimischen Viertel rGya-lha-khang. Die Männer versammeln sich regelmäßig vor der Moschee und sind mit ihren schwarzen Sakkos und weißen Mützen leicht als Angehörige der Hui-Nationalität (chinesische Moslems) zu erkennen.
Das Zentrum der Altstadt bildet der Jo-khang, das wichtigste Heiligtum des tibetischen Buddhismus. Um den Tempel führt eine Straße, die Pilger im Uhrzeigersinn abschreiten oder z. T. durch Niederwerfungen mit ihrer Körperlänge ausmessen: der Bar-bskor. Der Bar-bskor ist heute eine Fußgängerzone, auch Fahrräder sind verboten. Der Straßenrand ist mit Verkaufsständen gesäumt, die eine Mischung aus Kleidung, religiösen Gegenständen und Souvenirs feilbieten.
Entlang des Bar-bskor gibt es eine Reihe von auf westliche Ausländer zugeschnittene Restaurants, die neben tibetischer und han-chinesischer auch indische und europäische Küche anbieten, nebst wunderbarer Aussicht auf den Bar-bskor oder über die Dächer von Lhasa bis zum Potala.
Wir besichtigen eine Teppichfabrik. Im an der Straße gelegenen Geschäft werden wirklich hässliche Teppiche angeboten. Wir sind nicht sicher, ob wir die Fabrikshallen dahinter betreten dürfen und fragen einige der Arbeiterinnen, die scheinbar gerade Pause machen und in Gruppen auf dem Rasen im Hof der Fabrik sitzen. Sie amüsieren sich auf Tibetisch königinnenlich über uns. Wir können die Fabrik besichtigen, bis auf eine Halle. Teppiche knüpfen muss eine öde Arbeit sein. Wir suchen eine Blindenschule (Braille without Borders), deren Besichtigung mir ein deutscher Arbeitskollege in Beijing empfohlen hat. Als wir sie schließlich finden, ist die Besuchszeit vorüber, doch unterwegs stoßen wir auf zwei, drei kleine Tempel.
Am 8. Oktober regnet es wieder und wir besichtigen den Jo-khang. Das Gedränge der Pilger ist beeindruckend, es gibt eine lange Schlange, die sich entlang des abgesteckten Pilger-Parcours durch den Tempel windet. Nicht-Pilger müssen bei allen größeren Tempeln und Klöstern Eintritt bezahlen. Tibetische Pilger bringen vor allem aus Indien importiertes Butterschmalz, und zwar entweder in einem gelben Plastiksack, aus dem sie mit einem Esslöffel Butter zu den Lampen, die überall herumstehen, hinzufügen, oder flüssiges Butterschmalz in einer Thermoskanne, aus der sie die Butter in die Lampen gießen. Außerdem legen die meisten Pilger einen Jiao (ca. 0,01 €), vor fast jede Statue, an der sie vorbeikommen – überall stapelt sich das Geld in diesen kleinen Scheinen. Im Jo-khang ist der Andrang besonders groß und wir sehen, wie Mönche das Butterschmalz aus den Lampen entfernen, damit die Flammen nicht erstickt werden, und in großen Plastikgefäßen wegtragen, wohl um es nochmals an Pilger zu verkaufen.
Der Jo-khang gilt als ältester Tempel Tibets und soll im Jahr 647 erbaut worden sein – nach manchen Darstellungen anlässlich der Heirat des Königs Srong-btsan sGam-po mit der chinesischen Prinzessin Wencheng (Mun-chang), nach anderen Darstellungen anlässlich seiner Heirat mit der nepalesischen Prinzessin Bhrikuti (Khri-btsun). In Texten der chinesischen Regierung wird häufig Prinzessin Wencheng herausgestrichen, um die Verbindung zwischen den Tubo 吐蕃 (Tibet) und der chinesischen Tang-Dynastie (618–907) zu betonen, während Bhrikuti ignoriert wird. Jedenfalls soll hier die Jo-bo-Shakyamuni-Statue aus Indien aufbewahrt werden, die Wencheng als Teil ihrer Mitgift nach Lhasa gebracht haben soll.
Am Nachmittag besichtigten wir den Nor-bu-gling-kha. Dieser Park im Westen von Lhasa wurde in den 1740er-Jahren gebaut und wurde später die Sommerresidenz des Dalai Lama. Das Hauptgebäude stammt aus dem Jahr 1954. Die Anlage mit ihrer Mischung aus traditionellen tibetischen und modernen westlichen Elementen erinnert mich etwas an den Palast des Schah in Teheran.
Tags darauf mussten wir umziehen, denn der Nationalfeiertag markiert das Ende der Touristensaison und viele Hotels sperren zu, so auch unseres. Wir organisierten für die nächsten Tage gemeinsam mit zwei deutschen Touristinnen einen Jeep mit Fahrer und besichtigten den Potala.

Der größte Teil der Fläche des heutigen Lhasa wurde ursprünglich von einem See und einem Feuchtbiotop eingenommen. Srong-btsan-sgam-po ließ das Gebiet weitgehend trockenlegen und wählte die Erhebung Dmar-po-ri für den Bau seiner Residenz. Der Legende nach ließ Srong-btsan-sgam-po einen Palast namens Potalaka als irdisches Paradies für den Bodhisattva Avalokiteshvara bauen. Diese Sage geht wahrscheinlich auf den V. Dalai Lama zurück, der 1642 seine Macht konsolidierte und sich auch beim Bau seines Palastes auf Srong-btsan-sgam-po berief. Die Hauptgebäude stammen aus den Jahren 1645–1648 (weißer Palast) und 1690 (roter Palast). Ein Teil des Potala ist für Pilger und Touristen zugänglich. Er beherbergt u. a. Grabstupas mehrerer Dalai Lamas, doch auch Badewanne und Toilette des letzten Dalai Lama sind zu besichtigen.
Am 10. Oktober brachen wir mit den zwei Deutschen im Jeep nach Norden Richtung gNam-mtsho (Nam Co, auch Tengrinor) auf, einem Salzsee nördliche des Gebirges gNyan-chen-thang-lha (Nyaiqêntanglha, 7.162 Meter), das die natürliche Grenze zwischen Nord- und Südtibet bildet. Nachdem wir den Pass La-rken-la (5 190 Meter) überqueren, sehen wir den See. Das Ufer am Gebirge ist menschenleer und die Landschaft ist sehr beeindruckend.

Wir übernachten in einem Zeltlager auf einer Halbinsel mit hohen Felsen. Abends wird es sehr kalt und es beginnt zu schneien. Am nächsten Tag ist alles schneebedeckt und die Landschaft wirkt stark verändert.

Wir stellen fest, dass die Reifen unseres Jeeps praktische kein Profil haben. Die Straße ist vereist und wir brechen später auf als geplant. Der Jeep schafft dennoch die Steigung auf den Pass nicht und bleibt stecken, obwohl es nur zwei, drei Zentimeter Schnee sind. Der Fahrer kommuniziert nicht mit uns. Wir gehen zu Fuß das letzte Stück den Pass hinauf. Schließlich reißt die Wolkendecke auf, es taut etwas und der Jeep bewältigt den Pass.
Wir fahren über 'Dam-gzhung (Damxung) nach gTer-sgrom (Dêrzhom, „Tedrom“). Ursprünglich hätten wir vorher noch das Kloster Rwa-sgreng (Razhêng; „Radreng/Reting“) besichtigen sollen, doch das geht sich aufgrund der Verzögerung nicht mehr aus.

Wir kommen abends im Nonnenkloster gTer-sgrom an und bekommen drei Betten in einem Raum, in dem auch einige Nonnen wohnen und in dem ein Fernseher steht, der abends mittels eines Generators betrieben wird, und zwei Betten in einem anderen Raum des Klosters. Am nächsten Morgen baden wir bei der Thermalquelle: Es gibt für Männer und Frauen getrennt jeweils ein aus Steinen gemauertes Becken im Freien. Das heiße Wasser und Gasbläschen steigen von unten auf. Es ist kalt und das Bad ist wunderbar. Wir fahren weiter im Tal des Zhol-rong-gtsang-po (Xörong Zangbo) zum Mönchskloster 'Bri-gung-mthil (Drigung Til).
'Bri-gung-mthil wurde 1179 als Sitz des 'Bri-gung-bka'-brgyud-Ordens gegründet und ist bis heute eines der wichtigsten Zentren der bKa'-brgyud-Sekte (Kagyü-pa). Während der mongolischen Yuan-Dynastie (1271–1368) war sie in Opposition zur Sa-skya-Sekte und 'Bri-gung-mthil wurde 1290 militärisch angegriffen. Während der nachfolgenden Ming-Dynastie konnte sich 'Bri-gung-mthil wieder behaupten. Während der Kulturrevolution wurde 'Bri-gung-mthil zerstört und in den 1980er-Jahren wurde das Kloster wieder aufgebaut.
Es ist ein beliebter Ort für Himmelsbestattungen und als wir ankommen, ist gerade eine Leiche am Vorplatz aufgebahrt und eine Gruppe Mönche betet. Das Kloster liegt hoch an einem Berghang und Raubvögel und Krähen kreisen über den Gebäuden.

Am Nachmittag fahren wir nach Lhasa zurück. Am 13. Oktober besichtigen wir 'Bras-spungs (Zhäbung, „Drepung“), das als größtes Kloster der Welt gilt: Vor 1959 lebten hier über zehntausend Mönche.
'Bras-spungs liegt westlich von Lhasa und wurde 1414 gegründet. Es ist der Ursprung der Macht der Dalai Lamas, die ursprünglich hier ihren Sitz hatten und ihre Herrschaft erst allmählich über weite Teile Tibets ausdehnten. Nach manchen Darstellungen entging 'Bras-spungs den Zerstörungen der Kulturrevolution; das Kloster wurde 1980 wieder geöffnet.
Die Größe der Anlagen und die Zahl der Gebäude ist beeindruckend, und auch hierher kommen relativ viele Pilger. An den Wänden sieht man z. T. noch politische Slogans aus der Kulturrevolution, die zwar fast alle übermalt, aber dennoch sichtbar sind.

Am 14. Oktober fahren wir mit einem Taxi nach Se-ra (Sêra), nördlich von Lhasa.
Se-ra ist das zweitgrößte gDan-sa (buddhistische Ausbildungsstätte) der dominanten dGe-lugs-Sekte. Se-ra wurde 1419 als Tantra-Schule gegründet, wurde aber bald zu einer Institution zum Studium der Doktrin und der Philosophie. Nach dem Aufstand der Mönchsoberschicht im Jahr 1959 wurde das Kloster geschlossen. Anfang der 1980er-Jahre wurde es als Kloster wieder eröffnet und viele Gebäude renoviert bzw. wieder aufgebaut.
Nach so vielen Klöstern ist Se-ra nicht mehr so beeindruckend, aber bei einer Halle steht eine Menschenmasse Schlange; bald fällt uns auf, dass die meisten Leute kleine Kinder bei sich haben, und in einer der Kapellen wird klar, warum: Die Kinder werden von einem Mönch gesegnet und bekommen einen Rußfleck auf die Nase geschmiert.
So wie in fast allen Tempeln und Klöstern wurden auch in Se-ra vor die meisten Statuen Vitrinen gebaut. In einer Kapelle sehen wir, wie ein Mönch eine kleine Glastür einer solchen Vitrine öffnet und eine Holzstange mit metallbeschlagenen Enden in die Öffnung schiebt und eine Buddha-Statue damit berührt; die Pilger berühren das andere Ende der Stange mit der Stirn und werden vom Mönch gesegnet. Das Ritual wirkt auf uns etwas absurd.
Wir fahren zurück in die Stadt und besichtigen den Tempel Ra-mo-che (Ramoqê), der zur Aufbewahrung der Buddhastatue, die sich heute wahrscheinlich im Jo-khang befindet, gebaut wurde – die Aussagen darüber sind jedoch widersprüchlich. Auf Chinesisch heißt der Jo-khang Dàzhāo sì 大昭寺 und Ra-mo-che Xiǎozhāo sì 小昭四 , d. h. Großer und Kleiner Tempel der Klarheit (?).
Am Tag vor unserer Rückkehr nach Beijing fahren wir mit einem Pilgerbus um sechs Uhr früh vom Bar-bskor in Lhasa nach dGa'-ldan (Gandän) östlich von Lhasa. Wir sind die einzigen nicht-Tibeter im Bus. Im hinteren Teil sitzt eine Gruppe junger Frauen, die gegen Ende der Fahrt zu singen beginnen – tibetische, aber auch chinesische Lieder, darunter die furchtbare Schnulze «我 爱你就像老鼠爱大米» („Ich liebe dich so wie die Maus den Reis liebt“). Wir kommen noch vor Sonnenaufgang an, und laut Reiseführer hat das Kloster noch geschlossen. Alle steigen aus und gehen zielstrebig in eine Richtung – der Weg scheint vom Kloster weg zu führen, doch ein ganzer Bus voller Pilger kann nicht irren und wir folgen ihnen. Das Kloster liegt am oberen Teil des östlichen Berghangs und der Weg führt um den Berg herum, ohne große Höhenunterschiede. Von der Rückseite des Berges im Westen hat man einen großartigen Ausblick über den Yar-klung-gtsang-po.

Das Kloster liegt auf etwa 4.500 Metern Höhe, man sieht auf das 850 Meter tiefer liegende Tal.
dGa'-ldan war das erste Kloster der dGe-lugs-Sekte, es wurde Anfang des 15. Jahrhunderts von Tsong-kha-pa gegründet, der dort begraben liegt. Unter der Nordmauer der Kapelle mit seinem Grabstupa soll ein fliegender Stein aus Indien liegen.
In einer anderen Kapelle sehen wir zufällig einen Mönch beim Unterricht mit einer Gruppe jugendlicher Novizen. Er trägt den Text vor, erklärt ihn und lässt die jungen Mönche im Chor nachsprechen.

Der gleiche Bus, mit dem wir gekommen sind, fährt am Nachmittag wieder Richtung Lhasa. Für uns überraschend halten wir unterwegs noch in bDe-chen (Dêqên) beim Kloster gSang-sngags (Sang'ngag). Alle steigen aus und es geht im Laufschritt durch das Gebäude: erst im Erdgeschoss an allen Statuen vorbei, dann im oberen Stockwerk. In weniger als zehn Minuten ist gSang-sngags damit abgehandelt und wir sitzen wieder – etwas verblüfft ob des rasanten Tempos – im Bus nach Lhasa.
Ursprünglich hatten wir noch geplant, evtl. nach gZhis-ka-rtse (Xigazê) und rGyal-rtse (Gyangzê) zu fahren, doch das müssen wir uns für die nächste Tibet-Reise aufheben.

Kurz vor unserer Rückkehr nach Beijing berichteten chinesische und ausländische Medien, dass die Eisenbahnstrecke von Golmud nach Lhasa fertig gestellt wurde. Der höchste Pass, den die Strecke bewältigt, liegt auf 5.072 Metern Seehöhe. In den nächsten 15 Monaten werden noch Signalanlagen installiert und Tests durchgeführt, bevor der Regelbetrieb aufgenommen wird. Wenn es so weit ist, soll man in 48 Stunden von Beijing nach Lhasa fahren können.
Bücher über Tibet:
Melvyn C. Goldstein: A History of Modern Tibet, 1913-1951. The Demise of the Lamaist State (University of California Press 1991).
A. Tom Grunfeld: The Making of Modern Tibet (East Gate Book 1996).
Melvyn C. Goldstein, Dawei Sherap, William R. Siebenschuh: A Tibetan Revolutionary: The Political Life and Times of Bapa Phüntso Wangye (University of California Press 2004).
Kenneth Conboy, James Morrison: The CIA's Secret War in Tibet (University Press of Kansas 2002).
Colin Goldner: Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs (Alibri Verlag 1999).
Dung-dkar bLo-bzang 'Phrim-las: The Merging of Religious and Secular Rule in Tibet (bod-kyi chos srid zung 'brel-skor bshad-pa; Foreign Languages Press 1991).